Das andere 2011: Krisen dauern nicht ewig - Partys auch nicht

26. Januar 2011 von Leif-Erik Wollenweber (Kommentare: 0)

Die Aufschwung der deutschen Wirtschaft nach der Finanzkrise steht auf tönernen Füßen. Die jetzige Stärkephase sollten Unternehmen dazu nutzen, sich an langfristigen Zielen auszurichten. Balance und Nachhaltigkeit sind die Zauberworte der Zukunft.

So positiv die Jahresausblicke für 2011 waren, es muss Wasser in den Wein. Die jetzige, scheinbar stabile Lage der deutschen Konjunktur steht auf zahlreichen, allerdings durch die Bank wackeligen Säulen.

1. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist noch nicht vorüber. Allein die Notenbanken der USA, Europas und China fluten die Geldmärkte, so dass es weltweit Unternehmen sehr leicht fällt, sich zu refinanzieren und Schwächen zu überdecken. Noch gibt es kaum Inflation, wenn diese aber beginnt, steigen die Zinsen und die künstlich induzierte positive Stimmung fällt in sich zusammen.

2. China und die USA sind politisch, wirtschaftlich und finanziell so eng verflochten wie ein altes Ehepaar, mit dem Unterschied nie verheiratet gewesen zu sein. Politisch wollen die USA Supermacht sein, werden hier aber von China in ihrer Wirkung zunehmend eingegrenzt. China ist de facto bereits zweite Supermacht, stärker als die UDSSR je war, hat aber keinen Vormacht- oder gar Weltpolizeianspruch. Es geht allein um innerchinesische Interessen. Das hierdurch entstehende Machtvakuum nutzen Staaten wie der Iran aus. Das erhöht das Risiko von Krisen und kriegerischen Konflikten. Wirtschaftlich ist China Exporteur Nr. 1 nach Europa und in die USA. Es entsteht ein Handelsüberschuss, der es nicht rechtfertigt, dass China seine Währung zusätzlich künstlich schwach hält, um seine Exporte zu stärken. Es geriert sich mal als Supermacht und mal als Entwicklungsland, ganz wie es gerade beliebt. Den USA und der EU sind aber die Hände gebunden, so heizt sich ein kalter Konflikt aus, so schräg sich das anhört. Last but not least, finanziert China die private wie die staatliche Verschuldung der USA. Damit diese weiter munter in China einkaufen. Seit der Währungs- und Wirtschaftskrise in Europa gilt das Gleiche nun hier.

2. Womit wir beim zweiten Thema wären. Das Scheitern der EU, vielleicht des europäischen Integrationsprozesses, der uns seit 2000 Jahren nicht da gewesene 65 Jahre Frieden in Europa gebracht hat, ist nicht viel wahrscheinlicher als ein Gelingen der notwendigen Reformen der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik in der EU. Vor allem Griechenland, aber auch Portugal, Irland, Spanien, Italien und Frankreich (und vermutlich weitere) haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich über ihre Verhältnisse gelebt.

Die Frage ist nun folgende: Wenn wir Gerechtigkeit walten lassen, sollen sich allen voran die Griechen selbst aus dem Schlamassel ziehen. Es kann weder die Aufgabe des deutschen, noch des dänischen, des schwedischen oder des niederländischen Steuerzahlers sein, die Verschwendung, Korruptheit und Subventionssümpfe der so genannten PIIGS-Staaten auszubaden (PIIGS = Portugal, Italien, Irland, Großbritannien und Spanien). Übrigens hat sich bis dato in den genannten Ländern an den Mißständen nicht viel getan, jedenfalls nicht so viel, dass die Produktivität der besten Staaten der EU zu erreichen wäre. Bis auf Großbritannien, das sich mit dem neuen Premier Cameron einer ebenso beispiellosen wie beispielhaften Roßkur unterzieht. Möge das Glück mit ihm sein.

Einerseits. Andererseits wurde Deutschland nach dem Weltkrieg I für seine Vergehen bestraft. Ein entscheidender Faktor für die Entstehung von Weltkrieg II. Europa lernte daraus, Churchill formulierte die Idee der "Vereinigten Staaten von Europa". Deutschland besserte sich und wurde zu Europas Musterschüler - der freilich nie ganz beliebt ist. Sollten wir also aus der Geschichte lernen? Dann übertreiben wir es nicht mit dem Druck auf die PIIGS-Staaten, die nun das Kunststück schaffen müssen, gleichzeitig zu sparen und in die (hoffentlich) richtigen Strukturen zu investieren.

Ach ja, wenn vor allem Deutschland es zum Bruch kommen lässt, haben unsere Banken ein Problem, gegen das die Immobilienkrise der USA ein Fliegenfurz war. Und da Banken ja "systemrelevant" sind, sollte es Deutschland letztlich nicht so weit kommen lassen. Wird es wohl auch nicht. Wahrscheinlich sehen wir also nur ein Pokergame, bei dem es darum geht, wer wann die Hosen runterlässt und dann wie viel zahlen muss. Wer weiß?

Die EU steht also gerade am Scheideweg, entweder wir haben in 10 Jahren eine deutlich festere Union, mit recht gemeinsamer Wirtschafts- und Finanzpolitik, vielleicht auch ein Kerneuropa. Oder die EU zerfällt in kleinere Blöcke, versinkt weltpolitsch wie ökonomisch in der Versenkung und wird durch soziale Probleme geschüttelt. Die United States of Europe sind da das deutlich attraktivere Szenario.

Aber dafür sind die Unternehmen und Unternehmer in der EU gefragt. Sie dürfen nicht nur wirtschaften, sondern müssen klar Signal geben, dass sie bereit sind, für Frieden und politische Stärke mit Geld und Engagement zu bezahlen. Das ist ein wichtiger Teil der Forderung nach Nachhaltigkeit und Balance.

3. So stark China ist, als ewige Konjunkturstütze taugt es auch nicht. Es ist auf uns, d.h. die USA und die EU angewiesen, wenn wir als Käufer ausfallen, für wen soll produziert werden, wer soll das alles kaufen? Auch hier bedarf es dringend mehr Balance. In China stehen riesige Wohnkomplexe leer, die in Erwartung einer noch phantastischeren Zukunft gebaut wurden. Eine Immobilienblase hat China also sicher. Der Trost, im Gegensatz zu den Amerikanern (Spaniern, Iren) sind die Investitionen weitenteils nicht auf Pump, sondern von neureichen Chinesen getätigt worden. Also nicht "systemrelevant".

4. Speziell die deutsche Wirtschaft hängt seit Jahrzehnten weitgehend am Export. Darin gleichen wir uns China. Deswegen üben die USA Druck auf uns aus, unsere Binnenkonjunktur, unseren Konsum zu stärken und die Exporte zu drosseln. Der ersten Forderung ist uneingeschränkt zuzustimmen, wenngleich aus anderen Gründen als denen der USA. Die zweite Forderung der USA ist hirnrissig und zeugt davon, dass über dem großen Teich die Nerven blank liegen. Als US-Finanzminister Geithner Ende 2010 Importquoten für China und Deutschland einführen und den Kauf amerikanischer Waren erzwingen wollte, verabschiedete er sich (repräsentativ für die gesamten USA?) von dem jahrhundertelangen Eintreten seines Landes für freien Handels. Nicht mehr und nicht minder. 

Kleiner Vorschlag für amerikanische Unternehmer, schaut Euch Apple, Google, IBM, Microsoft oder Intel an und bietet doch einfach wettbewerbsfähigere, idealerweise nachhhaltigere Produkte her. GM jedenfalls ist zwar wieder an der Börse, stellt aber immer noch vor allem SUVs und dicke Trucks her. Das Umdenken kann also noch dauern.

Das dumme für uns Deutsche ist nur, das ganz ähnliche Argumente wie aus den USA auch aus Griechenland, Italien oder Spanien zu hören waren. Also genau den Ländern, die sich gerade von uns nicht gern an den Pranger stellen lassen wollen. Konfliktpotential allerorten.

5. Bei den notwendigen Reformen (und den Zahlungen für die EU-Krisenstaaten) in Deutschland, in Großbritannien oder in den USA agieren die Regierungen, trotz aller "Politikverdrossenheit" zunehmend auf dünnem Eis. Die passive Abwehr gegenüber der abgekapselten, um sich selbst kreisenden und dysfunktionalen Politik schlägt zunehmend in aktiven Protest um. Das neue und beunruhigende daran: Die Wut kommt nicht von den Rändern der Gesellschaft, sondern aus ihrer Mitte. Der Wutbürger globalisiert sich. Stuttgart 21 und die Tea Party haben wenig gemeinsam, außer ihren Ursachen. Es kann also kritisch werden, da der gesellschaftliche Zusammenhalt, der soziale Kitt bröckelt. Das kann durchaus positiv sein, denn es geht besser, als unsere repräsentativen Demokratien es in den letzten Jahrzehnten gezeigt haben. Denn: wer repräsentiert hier eigentlich wen? Aber es kann eben auch ungemütlich werden.

Erneut sollten sich gerade die Unternehmer als Elite - und Nettozahler - des Staates fragen: Was kann ich für mein Land tun? Steuern zahlen ist damit nicht gemeint. Das wäre Ablasshandel, frei nach Luther. Vielmehr sind wiederum Nachhaltigkeit und ein balanciertes Ausrichten an ökonomischen wie nicht-ökonomischen Zielen gefragt.

6. Der "peak oil" ist irgendwann in den letzten Jahren überschritten worden. D.h. es die Ölförderung beginnt zu sinken. Solange die Ölförderung stieg, orientierte sich der Ölpreis an Angebot und Nachfrage, wurde aber nicht als knappes, endliches Gut gehandelt. Zu dem wird dieses jetzt. Wirklich fallen wird er deshalb nicht mehr. Die erdölbasierte Wirtschaft endet irgendwann in den nächsten 10 - 30 Jahren. Das hat weitreichende Folgen, bei weitem nicht nur für die Mobilität, sondern für die gesamte chemische und produzierende Industrie. Je früher sich die Unternehmen, und die Wirtschaft als Ganzes, darauf einstellen, um so besser.

7. Vom Klimawandel ist aufgrund scheinbar dringenderer Probleme wenig die Rede. Stoppen lässt sich eine deutliche Erderwärmung aber nicht mehr. Weder die Industriestaaten haben bisher Entscheidendes zu einem Kurswechsel beigetragen, noch gibt es Antworten, wie die Schwellen- und Entwicklungsländer davon überzeugt werden sollen, unserem Klima-killenden Lebensstil nicht nachzueifern.

8. Irgendwann wird es auch einen Terroranschlag in Westeuropa geben, leider eher eine Frage der Zeit als der Wahrscheinlichkeit. Wie unsere Politik und unsere Gesellschaft darauf reagiert, steht in den Sternen. 

Fazit: Wir erleben eine Zeit des Übergangs. Enorm spannend, aber riskant und längst nicht so komfortabel, wie es sich derzeit anfühlt. Sollte unser Fahrstuhl nämlich abstürzen, geht es uns auch gut, bis wir aufschlagen. Alles aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir brauchen Vorbilder und Vorreiter. Kaum einer könnte diese Rolle positiver ausführen als ethisch, nachhaltig und herzerfrischend erfolgreiche Unternehmer. Als Arbeitgeber, Impulsgeber und als neuer Typus Politiker. Nämlich im Leben erfolgreich, Politik nicht als Karriere sehend, sondern als Dienst an der Gemeinschaft und unabhängig, da sie jederzeit in ihr Unternehmen zurückkehren können.

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